deVluchtkerk

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Europaweit machen illegalisierte Flüchtlinge auf die Missstände des Asylrechts aufmerksam. 130 von ihnen haben nun Zuflucht in einer leer stehenden Kirche in Amsterdam gefunden.
Die Geschichte der „Vluchtkerk“ klingt wie ein Weihnachtsmärchen. Ist sie aber nicht.

von Johanna Waldmann

Es ist Tag der offenen Tür in der Sint Josephkerk. Ein Weihnachtsbaum steht vor der Tür, drinnen wird gesungen und getrommelt. Im Eingang steht Mahmoud, der jedem Neuankömmling höflich Kaffee anbietet. Der ist auch nötig, denn in der Josephkerk ist es bitterkalt. Hier gibt es keinen geschmückten Altarraum, keine rustikalen Kirchenbänke. Von innen ähnelt die Kirche mehr einer trostlosen Lagerhalle als einem heiligen Ort. Die Seitenschiffe sind mit Gipsplatten abgedichtet, durch die Oberlichter dringt dämmriges Licht. Und trotzdem ist die Sint Josephkerk eine lang ersehnte Zuflucht. Seit Anfang Dezember ist das triste Betongebäude die „Vluchtkerk“ – Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer von etwa 130 Flüchtlingen, hauptsächlich aus den afrikanischen Ländern Somalia, Sudan, Äthiopien und Eritrea. Auch ein Chinese ist dabei. Sie alle haben ähnliches durchgemacht: Auf der Flucht vor der Gewalt in ihrer Heimat sind sie nach Europa gekommen und wurden abgewiesen, weil sie keine gültigen Papiere vorweisen konnten. Viele entgehen der Abschiebung, indem sie in andere Länder weiter ziehen. Mahmoud aus Somalia macht das schon sechs Jahre so. Nach einer waghalsigen Fahrt über das Mittelmeer, bei der drei seiner Freunde ums Leben kamen, strandete er in Griechenland, wo sein Asylantrag abgelehnt wurde. Als Papierloser hat er seitdem in weiteren Ländern ohne Erfolg Asyl beantragt. Für die Justiz ist er als illegal abgestempelt – warum Menschenrechtler Menschen wie Mahmoud auch „Illegalisierte“ nennen. „Ich bin doch kein Krimineller, ich bin auf der Flucht. Es gibt Grundrechte, doch diese werden mir hier in Europa nicht zugestanden“, sagt er. „Sie spielen Fußball mit mir. Ich kann nicht zurück, aber ich darf auch nicht hierbleiben.“
Dass die Flüchtlinge ein Heim in der Vluchtkerk gefunden haben, ist eine große Ausnahme und doch kein Happy End. Ende November wurde ihr erstes Zeltlager in Osdorp bei Amsterdam mit Polizeigewalt geräumt und sie im aufziehenden Winter auf die Straße gesetzt. Mithilfe der studentischen Hausbesetzerszene Amsterdams fanden sie die Sint Josephkerk. Dann geschah das kleine Wunder: Nachdem die Flüchtlinge in die Kirche eingezogen waren, erstattete der Besitzer nicht nur keine Anzeige, sondern räumte den Flüchtlingen auch das Recht ein, die Kirche kostenlos als Winterlager zu nutzen. Inzwischen ist die Nutzung sogar vertraglich geregelt: Bis 31. März dürfen die 130 in der Kirche bleiben, müssen diese dann aber wieder freiwillig verlassen.
Seitdem hat die Kirche eine große Wandlung durchgemacht: Die Seitenschiffe wurden als Räume abgetrennt, mit Betten und Heizung. Im Altarraum ist die Küche, im Keller ein Gebetsraum, denn die Mehrheit der Vluchtkerk-Bewohner sind Muslime. Unterstützt werden sie von Studenten, Christen, Moslems, Hausbesetzern und Aktivisten, aber auch von Amsterdamer Institutionen. Neben Wachdiensten an der Tür werden Bauarbeiten an der Kirche organisiert, Wäsche gewaschen, und es gibt täglich eine ärztliche Sprechstunde. Ein Medienteam berichtet auf einer eigenen Homepage, bei Facebook und über Twitter aus der Vluchtkerk.
„Wij zijn hier“ – wir sind hier, steht auf einem der Banner, die überall in der Vluchtkerk hängen. Dass die Flüchtlinge so selbstbewusst auftreten, ist etwas Neues. Normalerweise verstecken sie sich und halten sich durch kleine Hilfsjobs über Wasser. Viele leben auf der Straße. Doch das ist für Mahmoud keine Option mehr. „Wir müssen jetzt für unsere Rechte kämpfen und lautstark gegen das Unrecht protestieren“, sagt er und erzählt von den Demonstrationen und Begleitungen zu Gerichtsverhandlungen, die er organisiert. Es sei das erste Mal, dass sich abgewiesene Flüchtlinge als Gruppe so sichtbar machen, sagt Thomas Spijkerboer, Professor für Migrationsrecht an der Vrijen Universiteit Amsterdam. Menschenrechte, also Rechtsberatung, medizinische Versorgung, Essen und Trinken sowie ein Dach über dem Kopf, stünden ihnen zu. „Die Menschen sitzen in der Zwickmühle. Sie werden nicht als Flüchtlinge anerkannt, aber können auch nicht zurückgebracht werden, weil eine solche Reise viel zu gefährlich wäre“, sagt Spijkerboer. Zwar wurde durch die Asylpolitik die Zahl der papierlosen Einwanderer in Nordeuropa reduziert, die Not der Menschen aber ist eher noch gestiegen (siehe Text zur Humanitären Krise in Europa). Über ihre Anzahl gibt es keine verlässlichen Aussagen, wohl aber Schätzungen. So kommt das EU-Projekt Clandestino zu dem Schluss, dass sich 2009 zwischen zwei und vier Millionen illegale Flüchtlinge in Europa aufhielten – andere Statistiken sprechen von acht Millionen. In den Niederlanden, so Spijkerboer, werden jedes halbe Jahr schätzungsweise 5000 Asylanträge abgelehnt. Durch die Syrienkrise wird sich der Zustrom 2013 noch verstärken, schätzen die UN. Die Vluchtkerk ist in Europa deshalb kein Einzelfall. Die Flüchtlingsdemonstrationen sind ein internationales Phänomen geworden. So dauern auch in Wien, Budapest und Berlin die Proteste seit Monaten an. Nach dem Flüchtlingsmarsch, der Anfang Oktober nach 600 Kilometern Berlin erreichte, wurde in der Hauptstadt Mitte Dezember eine leer stehende Schule besetzt. Auch hier dürfen die Flüchtlinge bis zum Frühling bleiben. Eine langfristige Lösung ist aber weder die besetzte Schule in Berlin, noch die Kirche in Amsterdam. Mahmoud hofft, dass durch die Proteste bis Ende März eine politische Lösung gefunden werden könnte. „Viel Hoffnung haben wir nicht“, sagt er und lädt die Gäste auf eine Suppe ein, welche die Flüchtlinge für ihre Gäste gekocht haben.

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Humanitäre Krise in Europa – Dublin II
Griechenland und Italien sind das Tor zu Europa – zumindest für die afghanischen und afrikanischen Flüchtlinge, die täglich versuchen, ohne gültige Papiere einzureisen. Werden ihre Asylanträge von den südeuropäischen Staaten abgelehnt, bekommen sie woanders in Europa keine zweite Chance. Seit 2003 regelt das Dublin-II-Abkommen, dass Asylsuchende nur im Einreiseland den Antrag stellen dürfen und aus Drittstaaten dorthin zurückgebracht werden müssen. Das führt unter anderem dazu, dass die Bewerberzahlen in den Staaten mit einer EU-Außengrenze ansteigen, was auch Probleme bei der Unterbringung mit sich bringt, während die Zahlen im Innern Europas sinken. In einem wegweisenden Urteil hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Anfang 2011 Dublin II kritisiert. Es hat die Abschiebung nach Griechenland und die dortigen Verhältnisse, in denen die Flüchtlinge leben, angeprangert. Amnesty International redet in seinem neuesten Bericht vom 20. Dezember gar von einer humanitären Krise in Europa. Deutschland hat auf die Missstände bisher nur reagiert, indem seit 2011 kein Flüchtling mehr nach Griechenland gebracht werden darf, wo viele die Abschiebung in ihr Heimatland erwartet. Diese Ausnahme gilt noch bis zum 12. Januar 2013. Eine weitreichende Reform des Asylrechts steht aus.

Dies ist eine Reportage, die im Dezember 2012 im iPadmagazin der Sonntag (Madsack) veröffentlicht wurde.

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